Samstag, 10. November 2012

ein Rausch
ein Rausch der Sinne
Berührungen
empfangen, geben
Konzentration
auf den Augenblick
sehen, riechen, schmecken, hören, fühlen
nicht endende Sinnlichkeit
und doch
zu schnell vorbei
zurücklassend
ein Gefühl von Glück und Ruhe
Sie naht wieder - die schrecklichste Zeit des Jahres ...


Jahresausklangswahnsinn


Ich habe mir sagen lassen, dass man mit den Vorbereitungen für das Jahresende schon im September beginnen muss. Denn da beginnt der Verkauf von Lebkuchen, Schokoweihnachtsmännern und ähnlichen Leckereien. Und die muss man horten. Erstens gibt es sie im Dezember keinesfalls mehr und zweitens, wenn man diese Dinge schon im Haus hat, kann man sich nicht verkneifen, sie auch zu essen.
Ich glaube, einige fangen um die Zeit an, auch das Weihnachtsessen zusammen zu kaufen. Kann ja problemlos bis Weihnachten in aller Frische vor sich hin frosten und ist bestimmt billiger.
Ab November verbringen viele Leute die Zeit damit, die Weihnachtsdeko zusammenzuraffen und zu planen. Schließlich sollten spätestens am Montag nach Totensonntag die Fenster – im Optimalfall das ganze Grundstück – gleißend hell erleuchtet sein. Straßenbeleuchtung erübrigt sich damit in einigen Gegenden zu Weihnachten, der Stromanbieter freut sich.
In den Wohnzimmern hat man zur Adventszeit häufig Mühe, noch ein Plätzchen zum Sitzen zu finden, ausgenommen die Stelle, an der das „Bäumchen“ stehen wird. Dieses wird ebenfalls frühestmöglich besorgt und kühl gelagert, damit es beim Aufstellen möglichst wenig nadelt. Nach der jährlichen Kürzung und Verzierung des Baumes (die Größe des Wohnzimmers wird fast immer überschätzt), ist das Wohnzimmer dicht und der Stromzähler rast in Höchstgeschwindigkeit.
Weihnachtsmärkte sind noch zu erwähnen. Ein Ort der Geselligkeit. Man kann kaufen, essen und sich besaufen, was nicht nur von der Jugend genutzt wird. Daher ist dieser Ort abends nach Möglichkeit zu meiden.
Ebenso wie die Supermärkte kurz vor Weihnachten. In der Woche vor Heiligabend hat die Käuferdichte schon zugenommen, doch das Maximum erreicht sie an just diesem Tag.
In einem Jahr hab ich den Fehler begangen - ich komme in die Kaufhalle und krieg einen leichten Schock. Einen derartigen Andrang in einem Lebensmittelladen kannte ich nicht mal aus DDR-Zeiten. Und die Länge der Warteschlangen entsprach ungefähr denen von vor 1989, wenn’s die jährliche Ration an Nabelorangen gab. Obwohl Weihnachten gut planbar ist (ist schließlich jedes Jahr gleich), befindet sich der Großteil der Bevölkerung im Laden, ist schlecht gelaunt und nörgelt über das Absehbare.
Ungefähr ein, zwei Stunden vor Ladenschluss (das Mittagsmahl darf nicht verpasst werden!) herrscht gähnende Leere – in Bezug auf die Menschen als auch auf die Regale.
Ich habe den Verdacht, es muss der Weltuntergang vorhergesagt worden sein, anders kann ich mir das Verhalten der Leute nicht erklären!
Ebenfalls zu meiden sind an diesem Tag Kirchen. Ich weiß, es gibt Gotteshäuser, die sogar zwei Christmetten nacheinander veranstalten, um des Andrangs Herr zu werden, trotzdem sollte man es mögen, zwischen Menschenmassen eingequetscht zu stehen.
Von all dem kann ich mich weitestgehend fernhalten.
Doch nach den Feiertagen beginnen vor allem die jüngeren Bevölkerungsschichten vermehrt, Erfahrungen in bezug auf den Umgang mit Feuerwerkskörpern zu sammeln. Manchmal geht was schief - man hört neben den Böllern ab und zu die Sirenen der Feuerwehr und der Rettung.
Ab Silvesternachmittag bekomme ich einen Eindruck, wie sich Kriegsbeschuss und die Bombardierung fünfundvierzig angehört haben könnten. So gegen Mitternacht sind sämtliche Katzen und freilaufende Tiere verschwunden, andere hörende, nicht fluchtfähige Haustiere kurz vorm Kollaps und der Lärm wird durch das Bellen und Jaulen der Hunde verstärkt. Ich bin beim Kampfrauchen angelangt, um den Stress zu ertragen.
Gegen eins versuche ich zu schlafen. Das ferne Krachen wirkt inzwischen fast angenehm. Bis zu dem Moment, als einige Jugendliche ihr Defizit an Feuerwerkskörpern mit Pfeifen, Schreien und Kreischen auszugleichen suchen, nachdem sie ihre Stimmen den ganzen Abend mit Alkohol geölt haben. Wenn sie wieder nüchtern sind, werden sie die Folgen ihres Fehlers bemerken, im besten Fall in Form einer tiefen, rauchigen Bassstimme.
Kurz darauf hat noch jemand in der Gegend ein paar große Böller gefunden und vernichtet sie. Klingt nach den Teilen, vor denen immer gewarnt wird. Hat aber Glück gehabt. Es bleibt ruhig, kein Tatütata.
Inzwischen ist meine Katze auch wieder aufgetaucht. Sie zittert nur noch ein bisschen.
Gott sei Dank, denke ich, morgen ist Ruhe zum Ausdösen.
Gegen zwei fasse ich dann den Beschluss, mir für nächstes Mal Valium zu besorgen. So kann ich nicht nur dem Wahnsinn müde entgegenlächeln - nein, ich kann auch in aller Seeligkeit den Jahreswechsel verpennen.
Prosit Neujahr!
Nachtrag: Es sind Opfer zu beklagen.
Nahezu sämtliche Papierkörbe der Stadt wurden zerbombt, viele Briefkästen folgten diesem Schicksal, sehr viele Glasflaschen vegetieren in Scherben als Tretminen und ich sehe, glaub ich, schon Osterhasen.